Eine badische Kleinstadt - Wie alles begann
Auf dem Ortsschild steht “Große Kreisstadt”. Das ist eine nette Bezeichnung für eine Stadt, die zu Zeiten meiner Kindheit in den 80ern etwa 50.000 Einwohner zählte. Mein Vater pflegte zu betonen, dass es ja mit Eingemeindungen rund 70.000 seien. Er ist wahrscheinlich derjenige, der sich bis heute am stärksten mit meiner badischen Heimat und ganz besonders mit der Ortenau, das ist der Landkreis, zu dem Offenburg gehört, identifiziert. Was keinesfalls bedeuten soll, dass ich das nicht tue. Im Gegenteil. Auch wenn es mich schon vor 15 Jahren zunächst nach Mannheim, dann vor über 10 Jahren nach München verschlagen hat, so sehe ich mich trotzdem als Kind der Ortenau.
Ich höre immer wieder, dass man ja in einer Großstadt wie München ganz andere Möglichkeiten hätte. Das stimmt natürlich ohne Frage. Dennoch würde ich dem entgegenhalten, dass es unbestreitbare Vorteile hat, in einer Gegend wie der Ortenau aufzuwachsen.
In den 80er Jahren war Offenburg rückblickend die städtische Version einer grauen Maus. Eine ehemals stark von der Eisenbahn geprägten, wenig attraktiven Stadt am Ende von Nirgendwo in der südbadischen Provinz. Die Eisenbahnlinie, die sich aus Norden von Mannheim kommend in südlicher Richtung nach Basel durch die Oberrheinische Tiefebene zieht, hatte bis und vor allem während des zweiten Weltkrieges gerade in Offenburg große strategische Bedeutung, da hier ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in den südlichen Schwarzwald verlief. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass Offenburg bei Kriegsende ein einziger Bombenkrater war. Das dürfte auch zumindest in Teilen immer noch das Stadtbild geprägt haben, als in den 50er Jahren meine Großeltern mütterlicherseits nach Offenburg kamen. Sie hatten ihre bayerische Heimat in Landshut verlassen, weil meinem Opa ein attraktiver und für damalige Verhältnisse gut bezahlter Job bei einem Hersteller für Spezialwerkzeugmaschinen angeboten wurde. Als gelerntem Techniker bot man ihm dort eine Stelle als Ingenieur an. Meine Oma erzählt gerne, wie sie damals zunächst gemeinsam auf der Landkarte suchen mussten, wo genau denn dieses Offenburg überhaupt liegt. Meine Mutter war gerade, noch in Landshut, geboren worden und lernte dann später in den 70ern meinen Vater, einen gebürtigen Badener kennen. Ich bin also durchaus stolz auf sowohl meine bayerischen, als auch badischen Wurzeln.
Das Offenburg, das ich in meiner Kindheit und als Jugendlicher erlebte, kann man durchaus als sehr ruhiges, unaufgeregtes Umfeld bezeichnen. Mit allen Vor- und Nachteilen, die damit einhergehen. Die nahegelegene Grenze zu Frankreich und insbesondere zur Großstadt Straßburg war tatsächlich noch eine richtige Grenze. Insofern hielt sich der Durchgangsverkehr in beide Richtungen in überschaubaren Dimensionen. Obwohl man in direkter Nachbarschaft zur großen Stadt lebte, bekam man davon nur wenig mit. Man fuhr auch nicht sehr oft rüber auf die andere Seite. Wenn ich also von “am Ende von Nirgendwo” spreche, ist das nicht so negativ gemeint, wie es vielleicht zunächst klingt. Es fühlte sich einfach so an, als würde am Rhein alles enden. Gerade das machte aber auch diesen ruhigen, fast schon abgeschotteten Charakter aus.
Offenburg war, wie erwähnt, nicht schön, noch deutlich unattraktiver war jedoch das direkt am Rhein liegende Kehl. Insofern stand es für mich nie zur Debatte, dort zur Schule zu gehen, obwohl der Ort, in dem ich aufwuchs fast genau zwischen Kehl und Offenburg liegt. Nach der vierten Klasse wechselten die meisten meiner Klassenkameraden nach Kehl, während ich in Offenburg auf das Oken-Gymnasium ging. Rückblickend in vielerlei Hinsicht eine sehr gute Entscheidung. Im Vergleich zu der Alternative, dem Schiller-Gymnasium, war das Oken verhältnismäßig klein. Alles fühlte sich recht familiär an. Selbst mein Abiturjahrgang zählte gerade einmal 40 Köpfe. Man kannte sich. Es war ein stressfreies Umfeld, in dem man sich wohl fühlen konnte und in dem es wenig Ablenkung gab, was sicherlich eine förderliche Atmosphäre ist, um zu lernen - aber auch, um kreativ zu sein.
Bereits seit frühester Kindheit verbrachte ich einen Nachmittag pro Woche bei meinen niederbayerischen Großeltern aus Landshut. Dort gab es zwar weniger Spielzeug als zu Hause, an Papier und Malstiften war jedoch nie Knappheit. Ich fing also schon früh an, zu zeichnen, meistens Comics. Asterix und Lucky Luke waren meine bevorzugten Motive. Insofern war es nur logisch, dass ich auch am Okengymnasium als “Der Comiczeichner” bekannt war. Schnell hatte ich einen entsprechenden Ruf an der Schule und eine eigene Seite in der Schülerzeitung.
Meine Studienwahl überraschte insofern viele Mitschüler und Lehrer, hatte man in mir doch immer den Kreativen gesehen. Etwas bodenständiges, fast schon handwerkliches wie Betriebswirtschaftslehre, passte da doch gar nicht ins Bild. Oder doch? In der Tat setzte sich hier in gewisser Weise meine badische Bodenständigkeit bei meinen Überlegungen durch. Ich wollte unbedingt zunächst ein ordentliches Handwerkszeug erlernen, auf das ich immer zurückgreifen könnte. Gleichzeitig wollte ich mir aber auch die Chance offen lassen, meine Kreativität irgendwie mit einzubringen. Diese Möglichkeit sah ich in der Kombination BWL mit Schwerpunkt Marketing.
Auch wenn ich rückblickend zugeben muss, dass meine Vorstellungen von Kreativität im Marketing zum damaligen Zeitpunkt andere waren als heute, so habe ich diese Entscheidung dennoch aus vielen Gründen nie bereut. Der wichtigste Grund: Hätte ich, wie von Mitschülern und Lehrern empfohlen, beispielsweise eine Karriere als Grafikdesigner eingeschlagen, hätte ich mich möglicherweise einiger meiner größten Stärken beraubt, derer ich mir zu dem Zeitpunkt, als 19-Jähriger, nicht bewusst war. Meiner Verehrung für strukturierte, methodische Herangehensweisen, meinem inneren Drang, zahlen-und datengetriebene Entscheidungen auf Basis von Analysen zu treffen, um nur einige Beispiele zu nennen.
Mit meinem Wechsel nach München 2014 schloss sich der Kreis in vielerlei Hinsicht: Meine Oma feierte damals, dass wenigstens einer ihrer Enkel den Weg zurück in die “bayerische Heimat” gefunden hatte, zurück zu den Wurzeln meiner Familie. Für sie muss es damals in den 50ern und als junge Mutter ein großes Abenteuer gewesen sein, 500 Kilometer von Landshut nach Offenburg zu ziehen. Es gehört sicher eine gewisse Abenteuerlust und Mut dazu, das Unbekannte zu wagen. Gleichzeitig blicke ich auch immer wieder gerne voller Stolz auf meine badischen Wurzeln zurück, die geprägt sind von einer gewissen Gelassenheit und Bodenständigkeit.
Der Bajubadische

